Der alte Mann und der Berg
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Julians Haus
Julians Tür steht jedem offen, der den Weg durch die Einöde bis zu dem schmucken Rundplatz findet. Dort steht die kleine Steinhausgruppe, die er sein eigen nennt. Für jeden hat er ein paar nette Worte und ein Glas Wasser oder Wein. Mitten in den Cañadas, am Fuß des Teleferico, der Seilbahn zum Teide-Gipfel, beginnt der Weg zum Haus von Don Julian.
Es geht etwa drei Kilometer weit querfeldein hindurch durch längst erkaltete Lavaströme, die beeindruckend schroff den Weg säumen. Nach 10 Minuten Wegstrecke kommt eine kleine Felsgruppe und Julian beginnt leise zu singen. „Diese Steine mögen das“, kommentiert er sein wundersames Tun. „Vor uns der Berg, das ist der Guajara“, deutet er mit dem Finger, und „da und auch auf der anderen Seite kommt man hoch“. Einer der Wege sei zwar kürzer aber auch viel steiler, der andere weiter, aber dafür viel sanfter im Verlauf. Je länger man mit ihm geht, desto mehr bekommt man das Gefühl, Julian kenne jeden Stein und jeden Strauch persönlich. Ist auch kein Wunder, denn immerhin hat er weite Teile seines Lebens dort oben verbracht. Früher, als Julian noch ein Kind war, führte sein Vater in dem Haus ein Restaurant. In den 40ger Jahren des letzten Jahrhunderts plante die Regierung wegen der guten klimatischen Bedingungen in den Cañadas ein Sanatorium. Die entsprechende Infrastruktur wurde angelegt und die Lizenz für einen Schankbetrieb an Julians aus Orotava stammende Familie gegeben.
Julian kennt jeden Stein
Seine Eltern sollten die Patienten des Sanatoriums bewirten. Aber zur Eröffnung kam es nie. So beköstigte der Vater eben die zahlreichen Wanderer und Jäger, die durch die Gegend streifen um mit ihren Freddchen Hasen zu jagen. Als Julian alt genug war, schickte die Mutter ihn auch schon mal zum Einkaufen die vierstündige Wegstrecke nach Vilaflor. Als Jüngling marschierte er oft zwei Stunden zum „nahe“ gelegenen Parador, nur um in Gesellschaft ein Gläschen Wein zu trinken. Irgendwann packte ihn das Fernweh. Er zog nach Schweden und verbrachte als Interpolbeamter lange Jahre dort, gründete sogar eine Familie. Aber dann rief der Berg, und es zog ihn unweigerlich zurück in den heimatlichen Krater. In der Zwischenzeit war sein Vater gestorben – standesgemäß für den zeitlebens naturverbundenen Mann erlag er auf einem Stuhl sitzend, in der Mitte des Platzes vor dem Haus einer Herzschwäche. Julian behauptet steif und fest, dass immer, wenn etwas Probleme an seinem Elternhaus macht, der Vater ihm zur Seite steht und ihm auch schon oft verdammt gute Lösungen übermittelt hat. Nach seiner Rückkehr lebte Julian fast 20 Jahre glücklich und zufrieden in dem Haus. Im Winter machte er sich ein warmes Feuer im Kamin, und einige Zeit genoss er die Romantik mit der Belgierin Marie, seiner letzten großen Liebe. Von Zeit zu Zeit kam jemand vorbei, brachte etwas Ess- oder Trinkbares mit und blieb ein bisschen zum Plaudern.
Seine letzte Liebe ging zurück nach Belgien
Ansonsten war er allein mit seinem Berg und der Stille, die hier eindrucksvoll hörbar ist. Er begann die friedvollen Bilder einzufangen und sie in Öl auf seine Leinwand zu bannen. Zahlreiche Kneipen und Privathäuser zieren heute seine Bilder. Der Friede hielt bis zu dem Tag, als die Regierung anfing, neue Pläne für die Cañadas zu schmieden. Jetzt soll das Naturschutzgebiet wieder in seinen „Urzustand“ versetzt werden und die Zufahrten geschlossen werden. Nur unter „besonderen Bedingungen“ soll der Öffentlichkeit noch Zugang gewährt werden. Das heißt für Julian, dass er zwangsenteignet wird und das Haus verlassen muss. Für den 72-Jährigen ist das schlimm. „Er braucht den Berg!“, sagt ein Freund, „Wenn er gar nicht mehr hinauf kann wird es mit ihm bergab gehen.“ Julian hat sich schon seit einiger Zeit bei einem Bekannten im Haus eingemietet. Im Rahmen der Vorbereitungen zur Rückversetzung des Parks wurde an der Zufahrt zum Haus eine Schranke angebraucht, vom Wassernetz wurde es abgeschlossen. So ist eine Dusche unmöglich und der Transport von Lebensmitteln und dem, was man sonst noch so braucht, sehr beschwerlich – zu strapaziös für den älteren Herrn.
Hörbare Stille und wundervoller Frieden
Er kann also nur noch selten zum Haus, hauptsächlich während der Jagdsaison. Denn die Jäger dürfen den Weg zu Julians Besitz noch fahren und nehmen ihn manchmal mit. Das dürfen sie zwar eigentlich nicht, aber man kennt sich ja schließlich ein Leben lang. Nach der Jagt braten sie einen Teil der Ausbeute in Julians Küche auf dem Herd, der noch traditionell mit „leña“ befeuert wird, und alle trinken den mitgebrachten Wein. „Dann ist mal wieder Leben im Haus in der Calle del Sanatorio 42,“ meint Julian mit blitzenden Augen. Er hofft, das es noch lange dauert, bis die Regierung ihm ein Angebot auf Entschädigung macht. Das Geld braucht er nicht mehr, sagt er und fügt hoffnungsvoll an:„Aber vielleicht sterbe ich ja auch vorher“./edda schubert Autorenkontakt über Impressum/redaktion

