So einfach geht beichten nicht

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Nachdem die deutsche Radsportmannschaft auf Teneriffa trainiert und auch hier gebeichtet wird, lassen wir folgenden Beitrag, obwohl "kanarenfremd" so stehen

Unser Wochenkommentar: So einfach geht beichten nicht Bemerkungen zu den Doping-Geständnissen im Radsport

Die öffentlichen Doping-Beichten der letzten Tage überschlagen sich. Bert Dietz, Christian Henn, Udo Bölts gaben Verfehlungen zu. Die Sportärzte Lothar Heinrich und Andreas Schmid beugten sich dem Druck der sich nunmehr einstellenden Offensichtlichkeiten. Aus der Deckung gingen auch Erik Zabel, Rolf Aldag und Bob Stapleton. Da scheint jemand einen Rettungssteg in den gefährlichen Doping-Sumpf im Radsport zu schieben. Es ist der belgische Senior-Radsportspezialist Jef D’hont. Zu Beginn dieses Monats erschien das Enthüllungsbuch über seine mehr als vierzigjährige Erfahrung als aktiver Radfahrer und Masseur, unter anderem auch des deutschen Teams Telekom. Mit der Gelassenheit des Alters berichtet der inzwischen 65-jährige, wegen Doping-Aktivitäten bereits im Jahr 2000 verurteilt, von der Selbstverständlichkeit, mit der im Radsport gedopt wird, und von der Unmöglichkeit, im Radsport ohne Doping erfolgreich zu sein.

Es ist zu wünschen, dass sich noch mehr aktive Radsportler auf den Rettungssteg aus dem Dopingsumpf wagen. Jedoch wird auf diesem Steg ein zwielichtiges Spiel getrieben. Es steht außer Zweifel: Der Doping-Druck auf die Radprofis selbst ist groß. Sie zu verurteilen ist kein Heldenstück. Der sportliche Ehrgeiz und das Ziel, an die Spitze zu kommen, kann ihnen nicht verübelt werden. Und wenn an einer Stelle der Doping-Teufel sich unbemerkt einschleicht, dann zieht er ganze Scharen von Mitteufeln nach sich. Und wenn man den Enthüllungen D’honts glauben mag, dann war ohne Doping kein Erfolg zu erreichen. Der Radsport ist an einem Punkt angelangt, wo es zum gängigen Wettbewerb gehört, Dopingmittel und Methoden zu finden, die von den gängigen Kontrollmethoden nicht nachgewiesen werden können. In einer solchen Situation sollte man nicht mehr die Sieger ehren, sondern diejenigen, die sich ungedopt an den Start wagen. Wenn eine Sportart derart auf den Hund gekommen ist, mag es nicht wundern, dass der Sport an den Staat appelliert, Standards zu definieren und Kontrollen durchzuführen. Damit aber hat sich auch der Leistungssport ad absurdum geführt. Wenn sich der Sport nicht mehr selbst verwalten und sein Regelwerk durchsetzen kann, wenn er vom Staat nicht mehr nur gefördert – was gut ist –, sondern kontrolliert und reglementiert werden muss, dann hat er seine gesellschaftliche Funktion weitgehend verloren. Er wird zur Last für den Staat. Er dient nicht mehr dazu, Menschen einen Ausgleich und Leistungsanreiz zu bieten.

Dass man sich aus dieser Situation befreien muss, scheint einleuchtend. Dass dieser Befreiungsschlag aufrichtig geschieht, darf bezweifelt werden. Mit weißen Hemden erschienen die Telekom-Radprofis Erik Zabel, Rolf Aldag und Bob Stapleton auf der Pressekonferenz, schüttelten ihre Schuld von sich – und offenbarten dabei ganz unterschiedliche Spielregeln. Erik Zabel, selbst noch im Radsport aktiv und mit einem dreizehnjährigen Sohn, der gerade in den Radsport einsteigt, konnte einigermaßen glaubwürdig vermitteln, dass er die verheerenden Konsequenzen des Dopings durchschaut und durchlitten hat – und den Weg aus dem Sumpf öffnen will. Er ist deshalb glaubwürdiger als Aldag, nicht nur weil er emotional betroffener ist, sondern weil er riskiert, etwas zu verlieren. Gleichwohl schweigen sich beide darüber aus, wie und wo heute gedopt wird. Ihre Geständnisse beziehen sich auf Tatsachen, die zehn Jahre zurück liegen.

Rolf Aldag hingegen trat lächelnd von der Bekenntnisbühne ab. Sein Auftritt zeigte keinen Hauch von Willen, der Doping-Dynamik im Rennsport den Garaus zu machen. Vielmehr ist bei ihm die strategische Absicht zur vermuten, schnell auf der Bühne der Weißhemden zu erscheinen, auf der man in der gegenwärtigen Diskussion Sympathiepunkte sammeln könnte.

Beichten aber müssen vollständig, ehrlich und mit der Absicht verbunden sein, an dem gegenwärtigen verkommenen Zustand etwas zu ändern, damit sie wirksam sind. Das gilt nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Öffentlichkeit. Dazu gehört wesentlich, entstandenen Schaden wieder gut zu machen und entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Für Aldag würde dies bedeuten, seinen Sessel als sportlicher Leiter des Nachfolgerennstalles zu räumen oder sich mit viel Einsatz an Ideen zu überlegen, welche „Buße“ er auf sich nehmen will.

Man wird am Verhalten des Telekom-Konzerns gegenüber Rolf Aldag ablesen können, ob es darum geht, um jeden Preis im Gespräch zu bleiben und auf keinen Fall zu verpassen, im Kreis der Begierde-Saubermänner zu erscheinen oder einen wirksamen Beitrag zur Rettung des Rennsports zu leisten. Das wäre ein wirklicher Beitrag für eine wertorientierte Gesellschaft.

Theo Hipp Redaktion kath.de

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